Kreatin und Haarausfall: Was ist dran am Mythos?
Kaum ein Nahrungsergänzungsmittel ist so gut erforscht wie Kreatin – und kaum eines hält sich so hartnäckig ein Gerücht: Wer Kreatin nimmt, riskiere Haarausfall. Für Menschen, die Sport und volles Haar gleichermaßen wichtig sind, ist das eine ernste Frage. Dieser Beitrag ordnet die wissenschaftliche Datenlage nüchtern ein und beantwortet, was heute wirklich gesichert ist.
Was ist Kreatin – und warum ist es so beliebt?
Kreatin ist eine körpereigene Verbindung, die aus den Aminosäuren Arginin, Glycin und Methionin gebildet wird. Es speichert in der Muskulatur Energie in Form von Phosphokreatin und stellt sie bei kurzen, intensiven Belastungen bereit. Der Körper produziert einen Teil selbst, ein weiterer Teil stammt aus Fleisch und Fisch.
Als Nahrungsergänzung – meist als Kreatin-Monohydrat, 3–5 g täglich – gehört es zu den am besten untersuchten und wirksamsten Supplementen überhaupt. Beliebt ist es vor allem, weil es:
- die Kraft- und Schnellkraftleistung messbar verbessert,
- den Muskelaufbau unterstützt,
- die Regeneration fördern kann,
- und zunehmend auch für kognitive Effekte diskutiert wird.
Gerade wegen dieser breiten Anwendung trifft das Gerücht um Haarausfall viele Menschen – und verunsichert sie unnötig.
Woher stammt der Mythos „Kreatin macht Glatze“?
Der Ursprung ist erstaunlich schmal: eine einzige Studie aus dem Jahr 2009, durchgeführt an College-Rugbyspielern in Südafrika.
Die Studie im Detail
Über drei Wochen erhielten 20 junge Männer Kreatin. Gemessen wurde der Spiegel von Dihydrotestosteron (DHT), einem Abbauprodukt des Testosterons. Das Ergebnis: Nach einer siebentägigen Ladephase stieg DHT deutlich an und blieb auch danach erhöht.
Was in der öffentlichen Wahrnehmung fast immer untergeht, sind die entscheidenden Einschränkungen dieser Untersuchung:
- Sehr kleine Stichprobe – nur 20 Teilnehmer.
- Es wurde kein Haarausfall gemessen – ausschließlich der DHT-Spiegel.
- Die Werte blieben im Normbereich – trotz des prozentualen Anstiegs.
- Unterschiedliche Ausgangswerte – die Kreatin-Gruppe startete mit deutlich niedrigerem DHT als die Kontrollgruppe. Der „Anstieg“ glich diesen Unterschied im Grunde nur aus.
Ein hormoneller Laborwert, der sich verändert, ist noch kein Haarausfall. Zwischen einem Messwert im Blut und einer schrumpfenden Haarwurzel liegen viele biologische Schritte – und genau die hat diese Studie nie untersucht.
Der US-Sportphysiologe Jose Antonio, Mitbegründer der International Society of Sports Nutrition (ISSN), bringt das methodische Kernproblem auf den Punkt:
Statistisch signifikant bedeutet nicht automatisch auch biologisch relevant.
Was ist DHT – und welche Rolle spielt es beim Haarausfall?
Dihydrotestosteron (DHT) entsteht, wenn das Enzym 5-Alpha-Reduktase Testosteron umwandelt. DHT ist der zentrale hormonelle Faktor beim erblich bedingten Haarausfall (androgenetische Alopezie) – der mit Abstand häufigsten Form, die etwa 90–95 % aller Betroffenen betrifft.
Wichtig ist jedoch das Wie:
Bei genetischer Veranlagung kann DHT Haarfollikel verkleinern und den Haarwachstumszyklus verkürzen. Ohne diese Veranlagung hat DHT keinen relevanten Einfluss auf die Haardichte.
Der Haarausfall hängt also von der individuellen Empfindlichkeit der Follikel gegenüber DHT ab – nicht allein vom Hormonspiegel im Blut. Zwei Menschen mit identischem DHT-Wert können völlig unterschiedlich reagieren: Der eine behält volles Haar, der andere entwickelt eine Glatze.
| Begriff | Bedeutung |
|---|---|
| Testosteron | Männliches Sexualhormon, Ausgangsstoff für DHT |
| 5-Alpha-Reduktase | Enzym, das Testosteron in DHT umwandelt |
| DHT | Potentestes Androgen; Schlüsselfaktor der androgenetischen Alopezie |
| Androgenetische Alopezie | Erblich bedingter Haarausfall durch DHT-empfindliche Follikel |
| Follikel-Sensitivität | Genetisch bestimmte Empfindlichkeit der Haarwurzel – entscheidend, ob DHT schadet |
Was sagt die aktuelle Studienlage?
Seit 2009 ist die Forschung deutlich weitergekommen. Das Bild ist heute klar:
- Eine Übersichtsarbeit aus 2021 (ISSN) kam zu dem Schluss, dass Kreatin den DHT-Spiegel nicht zuverlässig erhöht.
- Mehrere Studien maßen das freie Testosteron – die Vorstufe von DHT – und fanden keinen Anstieg durch Kreatin.
- Eine kontrollierte Studie aus 2025 ließ 45 gut trainierte Männer 12 Wochen lang 5 g Kreatin täglich oder ein Placebo einnehmen: kein relevanter Effekt auf hormonelle Marker im Sinne der Haarausfall-Hypothese.
- In Summe wurden nach 2009 zahlreiche klinische Studien zum Einfluss von Kreatin auf den Hormonhaushalt durchgeführt. Keine bestätigte einen Zusammenhang mit erhöhtem Haarausfallrisiko.
Studienübersicht im Vergleich
| Studie / Quelle | Jahr | Teilnehmer | Was gemessen wurde | Ergebnis |
|---|---|---|---|---|
| van der Merwe et al. | 2009 | 20 | DHT-Spiegel (kein Haarausfall) | DHT-Anstieg, aber im Normbereich |
| ISSN-Übersichtsarbeit | 2021 | Meta-Analyse | DHT / Testosteron | Kein verlässlicher DHT-Anstieg |
| Kontrollierte RCT | 2025 | 45 | Hormonelle Marker | Kein relevanter Effekt |
| Zahlreiche Folgestudien | 2009–2025 | verschiedene | Hormonstatus / Haarausfall | Kein Kausalzusammenhang belegt |
Wissenschaft bedeutet, einen einzelnen Befund im Licht aller späteren Daten zu bewerten. Und diese Daten zeichnen ein einheitliches Bild: Wer keine genetische Veranlagung zum Haarausfall hat, muss wegen Kreatin nicht um seine Haare fürchten.
Für wen könnte das Thema überhaupt relevant sein?
Auch wenn kein ursächlicher Zusammenhang belegt ist, lohnt eine ehrliche Differenzierung:
- Ohne genetische Veranlagung: Kein plausibler Mechanismus, über den Kreatin Haarausfall auslösen könnte.
- Mit familiärer Veranlagung zur androgenetischen Alopezie: Ein bestehendes Risiko besteht durch das körpereigene DHT – unabhängig von Kreatin. Ein zusätzlicher Effekt von Kreatin ist nach heutigem Stand nicht gesichert.
- Bei bereits laufendem Haarausfall: Hier ist die Ursache fast nie ein Supplement, sondern in aller Regel die genetische Veranlagung. Eine ärztliche Abklärung ist sinnvoller als das Absetzen von Kreatin.
Kreatin und Haarausfall: Medizinische Einschätzung & Erfahrung von Univ. Prof. Dr. Edvin Turkof
In meiner täglichen Praxis begegnet mir die Sorge um Kreatin regelmäßig – meist bei jungen, sportlich aktiven Männern. Meine Antwort ist unaufgeregt: Nicht das Supplement entscheidet über Ihre Haare, sondern Ihre Gene. Wenn ein Haarausfall beginnt, sollten wir seine tatsächliche Ursache abklären, statt ein wirksames und sicheres Präparat vorschnell zu verteufeln.
Wer wirklich unter erblich bedingtem Haarausfall leidet, dem hilft keine Ernährungsdebatte, sondern eine seriöse Diagnostik und, wo sinnvoll, eine gezielte Therapie oder eine Transplantation. Ehrliche Aufklärung ist mir hier wichtiger als jeder Mythos.
Praktische Empfehlungen
Wenn Sie Kreatin nutzen und sich um Ihre Haare sorgen:
- Keine Panik wegen des 2009er-Gerüchts – die Gesamtdatenlage entlastet Kreatin.
- Kennen Sie Ihre Familiengeschichte: Gibt es früh einsetzenden Haarausfall bei Vater oder Großvätern, ist das Ihr eigentlicher Risikofaktor – unabhängig von Kreatin.
- Beobachten statt spekulieren: Bemerken Sie tatsächlich vermehrten Haarverlust, dokumentieren Sie ihn (z. B. mit Fotos) und lassen Sie ihn ärztlich abklären.
- Ursache adressieren, nicht das Supplement: Erblich bedingter Haarausfall lässt sich medizinisch behandeln – vom DHT-Blocker bis zur Haartransplantation.
- Setzen Sie Kreatin nicht vorschnell ab, nur um „auf Nummer sicher zu gehen“ – Sie verlieren dann nachgewiesenen Nutzen für einen nicht belegten Effekt.
Häufige Fragen
Verursacht Kreatin Haarausfall?
Nach aktuellem Forschungsstand nicht. Es gibt keine kontrollierte Humanstudie, die einen ursächlichen Zusammenhang belegt. Der Mythos beruht auf einer einzigen Studie von 2009, die nur den DHT-Spiegel maß – keinen tatsächlichen Haarverlust.
Erhöht Kreatin den DHT-Spiegel?
Eine Studie von 2009 zeigte einen Anstieg, blieb aber im Normbereich. Spätere Untersuchungen, darunter eine Übersichtsarbeit von 2021 und eine kontrollierte Studie von 2025, konnten diesen Effekt nicht verlässlich bestätigen.
Sollte ich Kreatin absetzen, wenn ich Haarausfall bemerke?
Sinnvoller ist eine ärztliche Abklärung der Ursache. Erblich bedingter Haarausfall ist mit Abstand am häufigsten und würde auch ohne Kreatin auftreten.
Betrifft das Thema auch Frauen?
Die wenigen Untersuchungen wurden überwiegend an Männern durchgeführt. Ein belegter Zusammenhang zwischen Kreatin und Haarausfall besteht auch bei Frauen nicht.
Wächst Haar nach dem Absetzen von Kreatin nach?
Da kein kausaler Zusammenhang gesichert ist, stellt sich die Frage in der Praxis kaum. Ein vom DHT abhängiger, erblich bedingter Haarausfall folgt seiner eigenen genetischen Dynamik.
Fazit
Der Mythos „Kreatin macht Glatze“ ist ein Paradebeispiel dafür, wie aus einem einzelnen, missverstandenen Laborwert ein hartnäckiges Gerücht wird. Die Wahrheit ist entlastend: Kreatin gehört zu den sichersten und best untersuchten Supplementen – und ein ursächlicher Zusammenhang mit Haarausfall ist nicht belegt. Wer erblich bedingt zu Haarausfall neigt, trägt dieses Risiko in seinen Genen, nicht in seinem Shaker. Wichtiger als jede Ernährungsdebatte ist im Zweifel die ehrliche, ärztliche Abklärung der tatsächlichen Ursache.
Über den Experten
Univ.-Prof. Dr. Edvin Turkof ist ärztlicher Leiter von DHI Vienna und zählt zu den erfahrensten Fachärzten für Plastische, Ästhetische und Rekonstruktive Chirurgie im deutschsprachigen Raum. Er ist gerichtlich beeideter Sachverständiger sowie Autor zahlreicher wissenschaftlicher Publikationen und Fachbücher. Mit jahrzehntelanger Erfahrung in der Haarmedizin und der schonenden DHI-Methode steht er für höchste Präzision, moderne Verfahren und eine individuelle, ehrliche Beratung seiner Patientinnen und Patienten.
Medizinisch geprüft & aktualisiert. Medizinisch geprüft von: Univ.-Prof. Dr. Edvin Turkof, Facharzt für Plastische, Ästhetische und Rekonstruktive Chirurgie; Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei anhaltendem oder plötzlichem Haarausfall wenden Sie sich bitte an eine Fachärztin oder einen Facharzt.
Quellen
- van der Merwe J, Brooks NE, Myburgh KH. Three weeks of creatine monohydrate supplementation affects dihydrotestosterone to testosterone ratio in college-aged rugby players. Clinical Journal of Sport Medicine. 2009.
- Antonio J, Candow DG, Forbes SC, et al. Common questions and misconceptions about creatine supplementation: what does the scientific evidence really show? Journal of the International Society of Sports Nutrition. 2021.
- Kontrollierte randomisierte Studie zu Kreatinsupplementation und hormonellen Markern (2025) – 12-wöchige RCT, 45 trainierte Männer, 5 g/Tag vs. Placebo. (Vollständige bibliografische Angabe vor Veröffentlichung ergänzen.)
- International Society of Sports Nutrition – Position Stand: Safety and Efficacy of Creatine Supplementation in Exercise, Sport, and Medicine.